"Mit der Geschwindigkeit von 2025 in 2026 zu arbeiten, heißt zurückzufallen. Agenten haben KI von einem Werkzeug, das wir nutzen, zu einer Belegschaft verwandelt, die wir führen. Die Frage ist nicht mehr, ob man adoptiert, sondern ob man die Art und Weise, wie Arbeit erledigt wird, neu denken kann. 2026 ist Anpassungsgeschwindigkeit der neue Wettbewerbsvorteil."
Die KI-Landschaft 2026: Vier Thesen, die zählen
Die Lücke zwischen dem Versprechen von KI und der Unternehmensrealität war nie größer und selten folgenreicher. Foundation Models sind zur Commodity geworden, Agent-Frameworks schießen aus dem Boden, und dennoch scheitern die meisten Organisationen daran, Potenzial in nachhaltige Wertschöpfung zu übersetzen. Die Unternehmen, die 2026 und darüber hinaus die Nase vorn haben werden, sind nicht diejenigen mit der fortschrittlichsten Technologie, sondern diejenigen, die die strukturellen Verschiebungen erkennen und entschlossen handeln.
Dieses Kapitel stellt vier Thesen vor, die bestimmen, worauf es 2026 ankommt. Sie sind bewusst zugespitzt. Wer beim Lesen Widerspruch verspürt, sollte genau hinsehen: Oft steckt dahinter eine Annahme, die durch die technologische Entwicklung zwischen dem Zeitpunkt des Schreibens und dem des Lesens bereits überholt ist.
Das Spielfeld hat sich verschoben. Was 2023 als Kompetenzaufbau galt (Prompt Engineering, Chatbot-Piloten, einfache RAG-Implementierungen) ist heute Pflichtprogramm. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, braucht ein neues Trainingsprogramm. Wer die eigene Herangehensweise nicht aktualisiert, verliert Boden, egal wie hart er arbeitet.
1. Agenten sind ein Paradigmenwechsel – kein Upgrade
Der Schritt von KI-Assistenten zu KI-Agenten ist kein Featuresprung. Es ist eine grundlegende Veränderung dessen, was KI-Systeme leisten können und was sie von Organisationen verlangen. Und mehr noch: Er transformiert KI vom Werkzeug zum Akteur, vom Instrument, das Menschen bedienen, zu einer Belegschaft, die eigenständig agiert.
Assistenten antworten auf Prompts. Sie unterstützen menschliche Arbeit, durch Textentwürfe, Antworten auf Fragen oder Dokumentenzusammenfassungen. Der Mensch bleibt bei jeder Entscheidung und Aktion eingebunden. Das ist das Paradigma, das die meisten Unternehmen operationalisiert haben: nützlich, aber begrenzt.
Agenten verfolgen Ziele. Sie zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte, nutzen Werkzeuge, interagieren mit Systemen und passen ihren Ansatz auf Basis von Zwischenergebnissen an, oft über mehrere Schritte hinweg, ohne menschliche Eingriffe. Der Mensch legt das Ziel und den Rahmen fest; der Agent entscheidet, wie er es erreicht.
Diese Unterscheidung hat weitreichende Konsequenzen:
- Autonomie erfordert Vertrauensinfrastruktur. Wenn ein Agent aktiv handeln kann – E-Mails versenden, Daten verändern, Workflows auslösen –, verlagert sich die Kernfrage von „Ist das Ergebnis gut?" zu „Darf diese Aktion überhaupt stattfinden?" Berechtigungen, Leitplanken und Prüfpfade werden zur operativen Notwendigkeit, nicht zur Compliance-Übung.
- Evaluation wird kontinuierlich. Ein Chatbot lässt sich anhand der Antwortqualität beurteilen. Ein Agent muss nach Zielerreichung, Aktionssicherheit, Kosteneffizienz und Verhaltenskonsistenz über verschiedene Kontexte hinweg bewertet werden. Das erfordert neue Kennzahlen und neue Disziplinen.
- Fehler sehen anders aus. Assistenten scheitern sichtbar: falsche Antworten, schlechte Formatierung. Agenten können lautlos versagen, suboptimale Pfade einschlagen, Kosten anhäufen oder von ihrer eigentlichen Aufgabe abdriften, ohne dass es sofort auffällt.
Die Belege sind überzeugend. Aktuelle Benchmarks wie OpenAI's GDPval¹ legen nahe, dass agentische Systeme mit den heutigen Fähigkeiten 25–40 % der Wissensarbeit automatisieren können, nicht in der Theorie, sondern in kontrollierten Unternehmenseinsätzen. Die MIT-„Iceberg Study"² zeigt, dass die sichtbaren Produktivitätsgewinne durch GenAI nur einen Bruchteil des Werts darstellen, der freigesetzt wird, sobald Agenten in Kernprozesse integriert sind.
Die Frage ist nicht mehr, ob Agenten funktionieren. Sie ist, ob Ihre Organisation lernen kann, sie zu führen.
Für einen vertieften Einblick in agentische Architekturen, Governance-Muster und Implementierungsstrategien, siehe das appliedAI Whitepaper „AI Agents in Action".
2. Context Engineering wird zur Kernkompetenz
Die Ära des Prompt Engineerings (das Formulieren cleverer Anweisungen, um bessere Outputs aus Sprachmodellen herauszuholen) weicht etwas Grundlegenderem: Context Engineering.
Context Engineering ist die systematische Disziplin, KI-Systeme – insbesondere Agenten – mit den richtigen Informationen, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Struktur zu versorgen, damit sie optimal arbeiten können.
Damit Agenten effektiv arbeiten können, müssen Organisationen vier Dimensionen strukturiert durchdenken:
- Datenbasis: Auf welche Wissensquellen, Dokumente und Datenströme soll ein Agent zugreifen? Wie wird Aktualität sichergestellt? Wie werden sensible Informationen geschützt?
- Prozessverständnis: Was muss der Agent über den Ablauf wissen, in dem er operiert? Welche vorgelagerten Abhängigkeiten und nachgelagerten Konsequenzen hat sein Handeln?
- Werkzeugzugang: Welche APIs, Systeme und Funktionen kann der Agent nutzen? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Berechtigungen?
- Grenzdefinition: Was darf der Agent ausdrücklich nicht tun? Wann muss er an Menschen eskalieren? Wie werden diese Grenzen kodiert und durchgesetzt?
Das ist kein Prompt Engineering in großem Maßstab. Das ist Systemdesign für KI-native Betriebsmodelle.
Der Unterschied wird deutlich, wenn Agenten scheitern. Schlechtes Prompt Engineering produziert schwache Outputs. Schlechtes Context Engineering produziert Agenten, die aus Überzeugung falsche Aktionen ausführen – weil sie mit unvollständigen, veralteten oder unpassenden Informationen arbeiteten. Sie halluzinieren nicht wegen Modellschwäche, sondern wegen Kontexthunger.
Organisationen, die Kontext als Nebensache behandeln, bauen Agenten, die in Demos beeindrucken und im Produktivbetrieb versagen. Wer Context Engineering als Disziplin aufbaut (mit dedizierten Rollen, Werkzeugen und Governance) baut Agenten, die mit der Zeit an Wert gewinnen.
Wer Context Engineering nicht als organisatorische Kompetenz aufbaut, bereitet Agenten vor, die eindrucksvoll falsch liegen und echten Schaden anrichten können.
3. End-to-End-Prozessumbau ist keine Option mehr
Die meisten Unternehmen nähern sich KI so, wie sie es bei früheren Technologiewellen getan haben: bestehende Prozesse identifizieren, Reibungspunkte finden, KI zur Reibungsreduktion einsetzen. Das ist intuitiv, risikoarm und fast immer suboptimal.
Das Muster ist bekannt:
- Dokumentenverarbeitung ist langsam → KI-gestützte OCR und Extraktion einführen
- Kundenanfragen brauchen zu lange → Chatbot für die Erstbearbeitung einsetzen
- Umsatzprognosen sind manuell → Prädiktives Modell auf historischen Daten aufbauen
Jede Maßnahme bringt lokale Verbesserungen. Aber die Prozessarchitektur bleibt unverändert. Und genau dort sitzen die eigentlichen Engpässe.
Das verändert den Ansatz bei der Use-Case-Identifikation grundlegend. Der Bottom-up-Ansatz (Use-Case-Ideen aus den Fachbereichen sammeln, nach Machbarkeit und Wert priorisieren, Piloten aufbauen) bleibt notwendig, reicht aber nicht mehr aus. Wenn KI ganze Wertströme transformieren kann, brauchen Organisationen eine ergänzende Top-down-Perspektive: Welche Kernprozesse sollten grundlegend neu gedacht werden? Wo schafft die heutige Architektur strukturelle Grenzen, die keine lokale Optimierung überwinden kann?
KI wird zur Chefsache. Prozessumbau in dieser Dimension lässt sich nicht an ein KI Center of Excellence delegieren oder in der IT-Prioritätenliste vergraben. Er erfordert einen Auftrag von ganz oben, funktionsübergreifende Entscheidungsbefugnis und die Bereitschaft, Annahmen zu hinterfragen, die die Organisation seit Jahrzehnten geprägt haben. CEOs, die das erkennen, werden ihre Unternehmen transformieren. Wer KI als Technologie-Initiative behandelt, optimiert sich in die Bedeutungslosigkeit.
Nehmen wir einen typischen B2B-Vertriebsprozess: Lead-Qualifizierung, Bedarfsanalyse, Angebotserstellung, Verhandlung, Vertragsabschluss, Übergabe an die Lieferung. KI in jeden Schritt einzubauen – Lead-Scoring, Meeting-Zusammenfassungen, Angebotsentwürfe – bringt inkrementelle Gewinne. Aber die Struktur geht weiterhin von Mensch-zu-Mensch-Interaktion in jeder Phase aus, mit Übergaben, Freigaben und Wartezeiten, die ins System eingebaut sind.
Ein KI-first-Redesign stellt andere Fragen: Was, wenn Qualifizierung, Bedarfsanalyse und erstes Angebot in einer einzigen, durchgehenden Interaktion stattfänden? Was, wenn der Agent Echtzeitzugriff auf Preise, Bestände und Lieferbedingungen hätte und damit das ewige „Ich prüfe das und melde mich" entfiele? Was, wenn Menschen nur noch bei hochsensiblen Verhandlungen und Beziehungsentscheidungen eingebunden würden?
Das ist keine Automatisierung. Es ist Prozesskonstellation neu gedacht.
Unternehmen, die bestehende Prozesse mit KI ergänzen, werden Effizienzgewinne von 10–20 % erzielen. Unternehmen, die Prozesse rund um KI-Fähigkeiten neu gestalten, werden sprunghafte Verbesserungen um den Faktor 10 und mehr sehen. Das lässt sich mit inkrementeller Optimierung nicht einholen. Wer KI in defekte Prozesse einbettet, automatisiert seine Ineffizienzen, nur schneller.
4. Anpassungsgeschwindigkeit ist der neue Wettbewerbsgraben
In Unternehmens-KI-Debatten wird ein wichtiger Unterschied hartnäckig verwischt: der zwischen Adoption und Adaptation.
Adoption bedeutet, KI-Fähigkeiten zu beschaffen und einzusetzen: Copilots ausrollen, eine GenAI-Plattform aufbauen, Mitarbeiter in Prompt-Techniken schulen. Notwendig, aber nicht hinreichend.
Adaptation bedeutet, die Arbeitsweise der Organisation als Antwort auf KI-Fähigkeiten zu verändern und diese Veränderung mit der Weiterentwicklung der Fähigkeiten fortzuführen. Das umfasst:
- Rollen und Verantwortlichkeiten neu gestalten, wenn Agenten Aufgaben übernehmen
- Governance-Rahmen aktualisieren, wenn neue Risikomuster entstehen
- Investitionen von reiner Personalkapazität hin zu Mensch-Agenten-Orchestrierung verlagern
- Lernzyklen beschleunigen, um neue Modellfähigkeiten innerhalb von Wochen zu integrieren, nicht erst in Quartalen
Die Halbwertszeit von KI-Best-Practices wird heute in Monaten gemessen. Eine Organisation, die 18 Monate gebraucht hat, um GPT-4-Muster zu operationalisieren, wird feststellen, dass diese Muster veraltet sind, bevor sie skalieren. Die Gewinner sind nicht diejenigen mit der besten Erstimplementierung, sondern diejenigen, die am schnellsten iterieren können.
Das erfordert eine andere Organisationshaltung:
- Governance, die Geschwindigkeit ermöglicht: Schlanke Freigabeprozesse für risikoarme Anwendungsfälle, mit klarer Eskalation bei riskanten. Keine einheitlich schwerfällige Prüfung für alles.
- Experimentierinfrastruktur: Die Fähigkeit, neue Modelle, Agenten und Workflows in kontrollierten Umgebungen zu testen und Erfolge schnell in den Produktivbetrieb zu überführen.
- Kontinuierlicher Kompetenzaufbau: Keine einmaligen Trainingsprogramme, sondern fortlaufendes Upskilling, das dem technologischen Frontier folgt.
- Führungskompetenz in KI: Führungskräfte, die fundierte Abwägungen bei KI-Investitionen treffen können, ohne sich vollständig auf technische Teams zu verlassen.
Die klassischen Wettbewerbsvorteile – proprietäre Daten, Skalierung, Marke, Vertriebskanäle – zählen weiterhin. Aber sie sind zunehmend notwendig, nicht mehr hinreichend. Der neue Graben ist die Geschwindigkeit, mit der eine Organisation lernt, anders zu arbeiten.
2026 gewinnen nicht diejenigen mit der besten KI. Es gewinnen diejenigen, die am schnellsten lernen, mit unvollkommener KI produktiv zu sein.
Die Kosten des Nichtstuns
Die Risiken eines zu schnellen KI-Einsatzes sind gut dokumentiert: Governance-Versagen, Reputationsschäden, verschwendete Investitionen, Widerstand bei den Mitarbeitenden. Diese Risiken sind real und müssen gemanagt werden.
Ebenso folgenreich sind die Risiken eines zu langsamen Vorgehens. Unternehmen, die nicht voranschreiten, verlieren Boden, denn der Wettbewerb schreitet voran. Organisationen, die dauerhaft auf Experimenter- oder frühem Practitioner-Niveau verharren, häufen einen sich selbst verstärkenden Nachteil auf:
- Talentabfluss: Leistungsträger erwarten zunehmend, mit modernen KI-Werkzeugen zu arbeiten. Wer als KI-Nachzügler gilt, wird Schwierigkeiten haben, die Menschen zu gewinnen und zu halten, die Innovation vorantreiben.
- Kostenstruktur-Divergenz: Während Wettbewerber Wissensarbeit automatisieren, sinken deren Kosten pro Transaktion. Die Lücke zwischen KI-fähigen und KI-limitierten Kostenstrukturen wird sich jedes Jahr vergrößern.
- Erwartungslücke bei Kunden: B2C-Unternehmen haben neue Maßstäbe für Reaktionsfähigkeit und Personalisierung gesetzt. B2B-Kunden erwarten zunehmend dasselbe und KI-fähige Wettbewerber werden es liefern.
- Verlust strategischer Handlungsoptionen: Viele KI-Fähigkeiten erfordern Grundlageninvestitionen in Daten, Plattform und Kompetenzen. Wer diese Investitionen aufschiebt, wird feststellen, dass er nicht reagieren kann, wenn der Wettbewerbsdruck zunimmt.
- Regulatorische Vorbereitung: Der EU AI Act und ähnliche Regelwerke verlangen Dokumentation, Risikoabschätzung und Governance-Fähigkeiten. Wer das unter Zeitdruck aufbaut, zahlt dafür in Geld und Fehleranfälligkeit.
Die Kosten des Nichtstuns sind nicht statisch. Sie wachsen.
AI Maturity neu gedacht: Framework, Reifegrade und Investitionsfelder
Zu wissen, dass KI wichtig ist, ist längst nicht mehr die Herausforderung. Zu wissen, was man tun soll, in welcher Reihenfolge, mit welcher Investition, gemessen an welchen Maßstäben, das ist die eigentliche Schwierigkeit für die meisten Organisationen.
Dieses Kapitel stellt das appliedAI Maturity Framework vor: einen strukturierten Ansatz, um KI-Fähigkeiten von Unternehmen zu bewerten, zu planen und weiterzuentwickeln. Es spiegelt unsere Arbeit mit führenden Organisationen verschiedener Branchen und unsere Rolle in nationalen KI-Reifegrad-Programmen in ganz Europa wider.
Stellen Sie sich AI Maturity wie Fitness vor. Genau wie körperliche Fitness Training in mehreren Dimensionen erfordert (Kraft, Ausdauer, Flexibilität, Koordination) verlangt AI Maturity den Aufbau von Fähigkeiten in Strategie, Technologie, Daten, Menschen und Umsetzung. Und wie ein Fitnessprogramm auf den aktuellen Zustand und die Ziele abgestimmt sein muss, müssen KI-Initiativen danach sequenziert werden, wo eine Organisation steht und wo sie hinmuss.
Die technologischen Verschiebungen aus Kapitel 1 haben verändert, was „fit" bedeutet. Das Trainingsprogramm, das 2023 Kompetenz aufgebaut hat, reicht nicht mehr. Organisationen müssen neu kalibrieren, was jedes Fitnesslevel erfordert und ihr Training entsprechend anpassen.
Das appliedAI Maturity Framework: Eine kurze Einführung
Das appliedAI Maturity Framework bietet eine umfassende Sicht auf die Fähigkeiten, die nötig sind, um mit KI nachhaltig Wert zu schaffen. Es basiert auf zwei Kernstrukturen: neun strategischen Dimensionen der KI-Adoption und vier Reifegraden.
Neun Dimensionen, die den gesamten Umfang unternehmensweiter KI-Fähigkeit abdecken:
| Dimension | Inhalt |
|---|---|
| KI-Ambition und Steuerung | Strategie, Governance, Compliance, Wertmessung |
| Use Cases | Identifikation, Priorisierung, Produktdenken, Prozessintegration |
| Organisation | Betriebsmodell, Rollen, Verantwortlichkeiten |
| Expertise | Kompetenzen, Befähigung, Wissensmanagement |
| Kultur | Adoption, Verantwortungsbewusstsein, Veränderungsbereitschaft |
| Daten | Strategie, Qualität, Zugang, Datenschutz |
| Technologie | Plattform, Architektur, Tooling, Security by Design |
| KI-Ökosystem | Anbieter, Modelle, Partner, IP, Kosten/FinOps |
| Umsetzung | Delivery, Lebenszyklus, LLMOps/MLOps, Evaluation, Betrieb |
Diese Dimensionen sind nicht unabhängig voneinander. Fortschritt in einer ermöglicht oder erfordert oft Fortschritt in anderen. Datenqualität begrenzt, welche Use Cases realisierbar sind. Organisationsstruktur bestimmt, wie Umsetzung skaliert. Ambition ohne Expertise produziert gescheiterte Piloten.
Vier Reifegrade, die den Weg von ersten Experimenten bis zur Branchenführerschaft beschreiben:
| Stufe | Bezeichnung | Merkmal |
|---|---|---|
| L1 | Experimenter | Aktives Experimentieren; Piloten laufen; Governance im Entstehen |
| L2 | Practitioner | Operativer Einsatz in ausgewählten Bereichen; wiederholbare Lieferung entsteht |
| L3 | Professional | Skalierte Unternehmensfähigkeit; eingebettete Governance; Wert wird gemessen |
| L4 | Shaper | KI als organisatorische DNA; kontinuierliche Optimierung; Ökosystemeinfluss |
Das Framework ist keine Treppe, die gleichmäßig erklommen werden muss. Organisationen können in verschiedenen Dimensionen auf verschiedenen Stufen stehen, das ist zu erwarten. Entscheidend ist, zu verstehen, wo man steht, wo man sein muss, und welche konkreten Fähigkeiten die Lücke schließen werden.
Dieses Framework wird von führenden nationalen Initiativen eingesetzt, um die KI-Reife ganzer Branchen in mehreren europäischen Ländern zu bewerten. Es bildet die Grundlage für Benchmarking, strategische Planung und Kompetenzaufbau in großem Maßstab.
Das vollständige Framework mit detaillierten Unterdimensionen und Bewertungsmethodik findet sich im appliedAI Whitepaper „Elements of a Comprehensive AI Strategy".
Branchen-Benchmark: Wo Unternehmen zum Zeitpunkt der Bewertung stehen
Die folgende Analyse basiert auf 187 Reifegradbeurteilungen, die appliedAI und Partner in den vergangenen Jahren in ganz Europa durchgeführt haben. Sie zeigt, wo Organisationen tatsächlich stehen, nicht wo sie glauben zu stehen oder wo Anbieter-Marketing nahelegt, dass sie stehen sollten. Die Teilnehmenden reichen von öffentlichen Einrichtungen bis hin zu Großkonzernen. Die kleinsten haben mehrere Hundert Mitarbeitende, die größten zählen zu den bedeutendsten Unternehmen Europas.
Das zentrale Ergebnis: Knapp 60 % der Organisationen befinden sich noch auf Stufe 1 – aktives Experimentieren ohne verlässlichen Weg zu produktivem Wert. Nur 9 % haben Professional- oder Shaper-Niveau erreicht, auf dem KI als echte Unternehmensfähigkeit verankert ist.
Das ist keine Kritik, und wir erheben auch keinen Anspruch auf statistische Belastbarkeit. Auf Unternehmens- wie auf Teilnehmerebene können Selektionseffekte vorliegen. Es ist ein Spiegelbild dessen, wo Unternehmen stehen und wo sie feststecken.
Das Muster ist konsistent und aufschlussreich:
Stärkste Dimensionen: Kultur, Expertise, Ambition und Steuerung (Ø 1,92) Organisationen haben Absicht. Führungsebenen erkennen, dass KI zählt. Mitarbeitende sind neugierig und zunehmend kompetent. Die weichen Grundlagen entstehen.
Schwächste Dimensionen: Use Cases, Technologie, KI-Ökosystem (Ø 1,48) Die Operationalisierung hinkt hinterher. Organisationen kämpfen darum, von Ideen in den Produktivbetrieb zu kommen, von Piloten zu skaliertem Wert, von Begeisterung zu Governance. Die harten Fähigkeiten, die Absicht in Ergebnisse verwandeln, sind noch unterentwickelt.
Die Lücke beträgt 0,44 Punkte – fast eine halbe Reifegradstufe. Das ist der Umsetzungsgraben, der Organisationen, die über KI reden, von denen trennt, die damit Wert erzeugen.
Was die Streuung verrät
Die Standardabweichung erzählt ihre eigene Geschichte:
- Kultur weist die höchste Varianz auf (1,07): Manche Organisationen haben echte KI-positive Kulturen aufgebaut; andere begegnen Widerstand oder Gleichgültigkeit. Es gibt keine Branchennorm. Kultur ist ein Differenzierungsmerkmal.
- Umsetzung zeigt die geringste Varianz (0,48): Hier kämpfen nahezu alle Organisationen gleichermaßen. Das ist keine Fähigkeit, die manche bereits beherrschen, während andere nachhinken. Es ist eine geteilte Herausforderung, was auf strukturelle Hürden hindeutet, nicht auf individuelle Organisationsversagen.
- Ambition und Steuerung variiert stark (0,78): Die Bandbreite zwischen vorsichtigen Experimentierern und aggressiven Transformatoren ist groß und die strategische Positionierung bei KI könnte sich weiter auseinanderentwickeln, nicht annähern.
Kerninterpretation
Drei Muster verdienen Aufmerksamkeit auf Führungsebene:
1. Die Lücke zwischen Absicht und Umsetzung ist struktureller Natur. Organisationen scheitern nicht wegen fehlender Ambition oder fehlendem Bewusstsein. Sie scheitern, weil Operationalisierung (Use Cases, Technologie, Umsetzung) Fähigkeiten erfordert, die die meisten noch nicht aufgebaut haben.
2. Stufe 1 ist überfüllt, Stufe 3+ nicht. Die wettbewerbliche Trennung findet jetzt statt. Organisationen, die ein weiteres Jahr auf Experimenter-Niveau verharren, werden feststellen, dass die Lücke zu den Führenden immer schwerer zu schließen ist.
3. Varianz in Kultur und Ambition und Steuerung signalisiert strategische Divergenz. Organisationen setzen unterschiedliche Wetten. Manche behandeln KI als transformativ; andere als inkrementell. Der Erfolg von Startups, die mit wenigen Personen Unicorn-Ansätze verfolgen, deutet darauf hin, dass der disruptivere Weg der richtige sein könnte.
Der Benchmark ist kein Ranking. Er ist eine Diagnose. Die Frage lautet nicht „Wo stehen wir im Vergleich?", sondern: „Welche konkreten Fähigkeiten müssen wir aufbauen, um von dort, wo wir sind, dorthin zu kommen, wo wir sein müssen?"



